Ich und das Was auch immer
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Ein silbriger Schleier hing in der Luft und roch wie eine osteuropäische Verfilmung der Schneekönigin. Die Umgebung war eine fröstelnde Verzauberung, in der man keine warmen Jacken brauchte, da sie nicht wirklich kalt war. Alles hier bestand aus Schnee und nur die trübe Luft machte es möglich, von dieser Schönheit nicht geblendet zu sein. Am Tor dieser Eislandschaft, direkt am Rande des zugefrorenen, ungewöhnlich glatten Sees, stand ein hagerer Junge von neun Jahren, mit weichem Gesicht und einem sehr kindlichen Ausdruck. Genauer betrachtet, war er eigentlich kindlicher als neunjährige sein konnten, was den unwirklichen Eindruck des Szenarios verstärkte.
Er sah über die weite Landschaft und betrachtete die vor ihm liegende Fläche mit solcher Verzückung, daß seine Fassung ihm entglitt und er sich zu seiner Rechten umwandte und unwillkürlich die Hand öffnete. An seiner Seite sollte eigentlich noch jemand stehen, die, deren großer Bruder er sein sollte und wollte. Er erinnerte nur ein einziges Mal, an dem er mit ihr über den See gefahren war, Hand in Hand, sorgsam darauf achtend, daß sie nicht stürzte, und hatte solche Erfüllung darin gefunden, daß es schmerzte, da er wusste, daß es sie nie wieder geben konnte.
Claudia gehörte - zumindest zu ihrer Zeit - die andere Welt, die sie als die echte bezeichnete, so wie sie die seine als eine Traumwelt betrachtete, und als ihr - wirklicher, wie sie es nannte - Bruder aufhörte, ihr einer zu sein, entschloss er sich, niemals älter zu werden, um diesen Verlust zu ersetzen. Aber sie war zu sehr in der Realität verhaftet, spürte ihn kaum und versank in Arroganz, Verzweiflung, Resignation. Und weil es das war, was die anderen nie sein wollten, wurde beschlossen, daß sie sterben musste. Mischa wusste nicht mehr, wie es kam und wodurch, aber verstand, daß es notwendig war, irgendwo. Trotzdem hörte er nie auf, traurig zu sein, und die Erinnerung dessen, was sie zerrissen hatte, schickte einen schwarzen Windhauch über den See und warf ihn zurück in die angrenzende Welt.
Mischa seufzte tief, als er die Straße betrat. Mit seinen Füßen stieß er einen Stein vor sich her, der nach einem Fehltritt hämisch grinsend und sehr selbstgefällig im Gebüsch verschwand. In Gedanken schon im Haus, das in einiger Entfernung auszumachen war und das der Knotenpunkt für sie alle war, bemerkte er die Kleine erst, nachdem er bereits an ihr vorbeigegangen war. Sie saß mitten auf der Straße und spielte mit schillernden, farblosen Murmeln. Auch sie hatte ihn nicht gesehen, das lag aber daran, daß Mischa eigentlich ein Graben war, der zwischen den Kindern und allen anderen Welten lag. Über diesen Graben gelangten weder Personen noch Bilder, Gedanken, Worte. Die Brücke wiederum war _seine_ Wahrnehmung, über die ein Austausch vonstatten ging. Daher konnten die Kinder außerhalb ihrer Welt nur sehen, was er sah, und hören, was er hörte.
Ihre Begrüßung war herzlich, und obwohl er lieber heimgegangen wäre, drängte sie ihn dazu, noch zu bleiben, um ihm zum zehnten Mal das Murmelspiel zu erklären.

*

Seit die Kriege ausgebrochen sind, macht er das nicht mehr. Er steht nur noch mit dem Rücken zu den Kindern, die sicher in seinem Schatten leben und vergisst. Seit die Kriege ausgebrochen sind, vergisst er nur noch und sorgt dafür, daß nichts die Brücke überquert und an die Kinder gerät. Darin ist er wirklich gut. Er ist ernst geworden und träumt auch nicht mehr davon, zur Schule zu gehen. Er schläft nicht mehr, wie die meisten von uns-


***


Das Haus bestand größtenteils, zumindest kam ihm das so vor, aus einer weißen, verglasten Doppeltür, so eine, wie man sie bei Schulgebäuden oder Arztpraxen fand. Sie war der wichtigste Zugang zur anderen Welt, so wie auch die meisten Fenster. Mischa fand die Außenwelt eher unwichtig, die Dinge geschahen darin langsamer und man musste sehr aufpassen, was man tat, da man zu vielen Erwartungen unterworfen war. Darum hielt er sich lieber innen auf, wo hinter der Tür zwei Treppen begannen. Die eine, vom Eingang gesehen linke, führte nach unten zu den Kellerräumen, die rechte hatte sechs Stufen und mündete oben in einem langen, sehr breiten Flur, an dessen Wänden viele Türen den Zugang zu anderen Welten ermöglichten. Mischa wusste, daß es noch mehr Treppen gab, eine, die weiter nach oben führte, beim Eingang, und die, über die er selbst das Haus betreten hatte, am anderen Ende des Flurs.
Er hatte Madesha in ihr Zimmer gebracht, wo sie Löcher in den Boden drückte und kontinuierlich darum bemüht war, die Konsistenz des Untergrundes zu verändern. Mischa hatte ein anderes der Kinder bei ihr gelassen, damit sie nicht aus Versehen im Teppich ertrank. Madesha war ein Jahr jünger als er und sehr verspielt, dafür gab es sie ja auch noch nicht so lange wie ihn. Er war sich in der Hinsicht nicht sicher, er vermutete eine Art Sicherheitskopie in ihr, eine Variante Claudias, die vor der Außenwelt bewahrt wurde und dementsprechend ganz andere Wege einschlug. Manchmal fand Mischa es schade, so wenig über die Mechanismen von Seelen und Leben in seiner Welt zu verstehen. Draußen war das alles einfacher, Menschen wurden geboren und starben, sie waren so alt wie Jahre ihrer Existenz verstrichen waren und sie waren irgendwie konkreter.
Die, zu der er sich gerade begab, kannte die Außenwelt und war darin mehr zuhause als hier. Auch von ihr gab es mehrere Varianten, aber darüber wollte er nicht nachdenken, es interessierte ihn vielmehr, wie es draußen weiterging. Zur Zeit waren sie versucht, im Außen für alle Platz und Zeit zu schaffen, um einen besseren Austausch der Welten zu ermöglichen. Er betrat den kühlen, spärlich eingerichteten Raum und begann, zaghaft Fragen zu stellen.
"Ich wollt nur mal wissen, wie's läuft... draußen."
"Nee, da passiert nichts. Und mit mir sowieso nicht. Hat doch alles keinen Zweck", murrte Natascha abweisend und fläzte sich auf das graue Sofa. Mischa fühlte sich wie auf einem Empfang, auf den er nicht eingeladen war. Natascha war nur halb präsent und wirkte, als spräche sie mit sich selbst.
"Du weißt doch genau, daß das egal ist. Der ganze Mist passiert ohne nachzufragen und ich darf die Suppe dann auslöffeln. Ich hab einfach keinen Bock mehr auf die Scheiße hier." Ihm war nicht ganz klar, was sie meinte, aber es hatte sicher etwas mit der anderen Welt zu tun.
"Du", hob er vorsichtig an, "ich weiß nicht, ob das da draußen dann so gut für dich ist, oder?", und da keine Antwort kam, "Vielleicht verbringst du dann einfach mal ein bisschen Zeit hier?" Ihre Augen starrten in weite Ferne.
"Wohin?", fragte sie irritiert und wurde noch ein bißchen blasser, ehe sie ganz verschwand.
Immer macht sie das Gegenteil von dem, was ich sage, dachte Mischa enttäuscht und bemerkte im selben Augenblick, daß das wohl gar keine Absicht war. Sie war selten stabil in der Innenwelt, es war ja auch nicht sie, sondern die andere, die er eigentlich sprechen wollte. Die jüngere, die sich noch fürchten und schämen konnte. Sie war nicht so...
"Antiautoritär.", sagte eine Stimme hinter ihm und Mischa erschrak. Es war aber nur Saskia, die ihn mit einem leichten Anflug Mitleid beobachtete.
"Ich weiß, aber sie meint es nicht so, das weißt du." Sie hockte sich vor ihn und lächelte, und er fühlte sich mit einem Mal ganz warm.

*

Mischa sieht Menschen, wenn er aus dem Fenster blickt. Er beobachtet sie gerne, obwohl er sie nicht versteht, oder vielleicht auch gerade deshalb. Im Augenblick schaut er in ein schlafendes Gesicht, der Mensch dazu liegt unter einer großen Decke. Eben war es noch ein Zelt, doch ohne dass ihm der Zeitverlust auffiel, wandelte es sich in ein Zimmer und ein anderes Gesicht. Es gefällt ihm, weil es so friedlich aussieht, schlafende Menschen mag er generell. Er findet es gut, wenigstens das Fenster zu haben, denn was er darin sieht, muss nicht vergessen werden. Er könnte sich wieder umdrehen, lauschen und zuschauen, zu sehen gibt es ja genug, aber er könnte nichts davon als Erinnerung behalten. Vor zwei Tagen erst wurde jemand begraben, den Mischa noch nicht kannte, aber das ist unerheblich, denn er weiß es nicht mehr.
Außer den Kindern spricht keiner mehr mit ihm, und auch für die hat er nicht viel Zeit. Er ist unglücklich und weiß es nicht mal, um niemanden zu beunruhigen.
Manchmal weiß er so wenig, daß sein Blick glasig wird-


***


Was Saskia ihm noch alles gesagt hatte, wusste Mischa nicht mehr, als er zu den Kindern ging, aber es ging um Natascha und darum, was und wer sie alles war. Saskia mochte es, hin und wieder ihre Heimat zu verlassen und die andere Welt mit ihrer Anwesenheit zu schmücken. Sie hatte etwas an sich, etwas körperliches, das Mischa nicht verstand. Aber auch andere teilten diesen Eindruck, sie sagten, der Körper fühle sich schön an, wenn sie dort war. Mischa ging zum großen Doppelbett, auf dem die Kinder manchmal tobten, und machte mit einem kurzen Gedanken die Musik an. Seltsam, wie manche Dinge an der Außenwelt orientiert blieben. Auf einem kleinen Tisch an der gegenüberliegenden Wand stand eine große Stereoanlage mit allen Knöpfen und Funktionen, die dazugehörten, aber Mischa hätte schwören können, daß es in diesem Raum weder Elektrizität noch CDs oder Kassetten gab, die Lampe an der Decke brannte schließlich immer und die Musik begann zu spielen, wann man es wünschte, jedenfalls meistens. Manchmal glaubte er, die Musik hätte ein Eigenleben, da sie häufig eigene Entscheidungen traf. Jetzt zum Beispiel, während er sich quer auf das Bett legte und die Füße verschränkte, hätte er etwas ruhiges, vielleicht etwas Klassik bevorzugt, stattdessen spielte sein Lieblingslied, 'Quadrat im Kreis', das eigentlich zu einer Punkband gehörte. Es machte Mischa ruhig, nachdenklich und manchmal ein wenig traurig, aber es gab ihm Klarheit.
Die beiden, die er hier zurückgelassen hatte, spielten weiter mit dem Teppich, der sich mittlerweile wie Knetgummi verhielt, und ließen sich nicht stören, aber aus dem Nebenraum erschien durch eine Tür, die vorher definitiv nicht dagewesen war. Maja, die kleinste von ihnen, durch die Musik aufgeschreckt, krabbelte zu ihm auf das Bett und lächelte ihr schönstes ich-bin-vier-Jahre-alt-bitte-hab-mich-gern-Lächeln. Mischa legte einen Arm um sie, während ihr Blick von der Zimmerlampe durch den Raum wanderte, als suche sie nach einem Regenbogen. Sie kannte nichts als Kinderzimmer und es war fraglich, ob sie jemals Sonnenlicht erblickt hat, aber nach nicht allzulanger Zeit erschien tatsächlich ein bogenförmiger Farbschimmer. Mischa beobachtete fasziniert, wie die Kleine mit Form und Farbe des Bogens spielte, bis das ganze einen pulsierenden Kreis bildete und sie begann, vor Vergnügen zu glucksen. Die Kinder lernten schnell die Regeln dieser Welt kennen, und sie konnten sie weit besser einsetzen als er selbst. Wenn er nicht gewusst hätte, dass seine Qualitäten eher im sozialen Bereich der Mechanismen und Kommunikation lagen, wäre er fast ein wenig neidisch geworden.

*

Mischa taucht nur langsam aus dem rauchigen Zimmer auf und fühlt sich schwach. Die Arme um die Beine geschlungen und den Kopf auf den Händen sitzt er so lange da, bis er sich albern vorkommt. Irgendetwas hier fühlt sich nicht richtig an, so starr, dass er Angst hat stehenzubleiben. Mehr um sich selbst zu testen geht er nach vorne, und die Beine, die ihm viel zu lang vorkommen, so dass ihm schwindlig wird, weisen ihm den Weg. Er fühlt etwas in seinem Kopf und zugleich aus weiter Ferne, etwas in der Umgebung kommt ihm seltsam bekannt vor. Erst als er durch die Tür geht, erkennt er einen der Menschen vor ihm. Das Zimmer nimmt er nicht wahr und weiß auf einmal, dass es in seinem Kopf längst gespeichert ist. Jemand spricht zu ihm. Mischa starrt kurz ins Leere und beginnt nach langer Zeit endlich wieder zu sprechen.


---


Vor Mischa lag das Meer und er wusste, dass er träumte. Er stand am Rand einer Klippe und der Wind fuhr durch seine Haare. Mit jedem Atemzug nahm er etwas in sich auf, was ihm ein Wesen, ein denken vermittelte, das nicht ihm gehörte. Vor ihm lag ein Strand, wenn auch ein sehr steiniger, und die Wellen schoben den nassen Sand hin und zurück. Etwas bewegte sich, das keinen Sinn zu ergeben schien, erst dachte er, es seien Muster im Sand, aber dann erkannte er Gestalten in den Wellen, erst nur sehr unklar, aber dann immer deutlicher je näher sie dem Strand kamen, und sie fielen in sich zusammen sobald die Welle sich brach. Es war Natascha, die da jedes Mal auf ihn zugeschwommen kam, und je länger er sie beobachtete, desto klarer wurden ihm die Unterschiede. Längst nicht alle der Figuren waren einer der Nataschas, die er kannte, zuzuordnen, alle unterschieden sich voneinander, fielen zusammen, ordneten sich neu, wurden immer wieder sie selbst in hunderten Variationen. Über den Horizont schwebte auf einmal Saskia mit einem kleinen Stock in der Hand und einem albernen Kleid, das ihr nicht wirklich passte. Sie winkte Mischa zu und die plätschernde Masse tat es ihr gleich. Irgendwie tauchte in seinem Kopf die Information auf, dass das Nataschas Wesen sei und das von vielen die um sie lebten, vielleicht nur für einen Augenblick und dann nie wieder in dieser Zusammensetzung. Im selben Moment hob Saskia den Stock und die Heerscharen begannen zu singen: "Wir sind wie das Meer, wie die schäumende Gischt, die den Sand überspült und die Spuren verwischt. Wir sind wie der Sturm, wie die Schreie im Wind..."
Irritiert wandte Mischa sich um und vollendete leise: "Wie das Herz eines Narren, der zu tanzen beginnt" und sah vor sich Farec, der tatsächlich eine Narrenkappe trug und sich beständig im Kreis drehte. Irgendwie kam ihm das dann aber zu blöd vor und er wollte versuchen, zu einer Seite zu verschwinden, doch Farec verfolgte ihn und schlug mit einem Seil, an deren Ende ein Glöckchen befestigt war, nach seinem rechten Arm. Da wurde er wütend und öffnete die Augen.
Neben ihm hörte Maja auf, ihn zu schubsen und setzte eine Leidensmiene auf. Schnell stellte er die Musik ab, die trotz der geringen Raumgröße gewaltig hallte.

*

Mischa weiß, daß dieser Text nur für ihn geschrieben wurde und legt auch einiges von sich selbst hinein. Die Frau, die mal mit ihm eislaufen war, sagt, er sei sehr blass, aber sie erkennt ihn nicht. Mischa beginnt vorzulesen und erkennt zu spät, daß er sich merken wird, was hier passiert. Als er fertig ist, spricht er mit den Menschen und beginnt sie liebzugewinnen. Erst dann stellt er fest, daß er beobachtet wird und geht nach innen, aber nicht, um weiter an der Front zu stehen, zu wachen und zu vergessen, diesmal, weil er nicht mehr vergessen kann und will. Mischa flieht-

***

Ich glaube, ich werde das hier nie oder erst sehr viel später fertig stellen. Was folgt ist nur noch ein letzter Abschnitt über die dazwischenliegenden Ereignisse und ein Nachruf.

***

Um Mischa herum ist Krieg. Er begreift kaum, um was es geht, nur dass es etwas mit Farec und Natascha zu tun hat. Natascha hat sich aufgegeben und lässt sich in eine Richtung treiben, die Farec ganz recht ist. Er unterstützt und unterweist sie dabei auf eine Art, die Mischa nichts angeht. Wir sollten nicht vergessen, dass er erst neun ist. Die einen halten das, was er tut, für falsch, auch wenn es kaum mehr als eine stumme Übereinkunft zwischen den beiden ist. Die Aktion könnte sie alle zu etwas bringen, was sie nicht möchten, so wie auch Natascha all das nicht wirklich will, sondern eher zulässt, wie ein Mensch, der sich längst verloren glaubt und seine Seele dem Teufel verkauft. Farec hat, was Natascha angeht, kein schlechtes Gewissen. Schließlich hat sie keine Seele, nur das zählt. Dachte er mal. Es gibt auch Menschen, die sich ihm angeschlossen haben. Keiner weiß so recht warum, es waren doch so nette Jungs. Sie aber sehen alles als eine freiwillige Sache und verurteilen Farecs Dämonifizierung. Sie stehen weiterhin zu einem alten Freund. Obwohl Farec eigentlich bereit gewesen wäre zu verhandeln, hat sich die Liebe&FriedenBewegung von ihm abgewandt und beginnt so unbeabsichtigt etwas, was so gar nicht nach Liebe und Frieden aussehen will. Aber es geht ja schließlich um den Frieden und so greifen selbst die Pazifisten zu den Waffen. Die Kämpfe beginnen, und es gibt Tote. Alle haben Angst um ihre Zukunft, alle kämpfen mit einer gewissen Scheu und gebührendem Mitleid für ihre Feinde. Es ist ein halbherziger Kampf, aber einer, bei dem keiner gewinnen und keiner verlieren möchte. Sie alle spüren die Kälte, die zwischen und in ihnen aufsteigt, fürchten sich umso mehr und umklammern ihre Waffen umso fester. Ein aussichtsloser Kampf. Mischa bewacht die Kinder. Erst nach seiner Flucht kommt die Frage auf, warum sie eigentlich Krieg führen. Auch die Frage an Farec, warum er all das eigentlich getan hat, kommt erstmals auf. Ein Missverständnis, er habe damit nichts zu tun. Die Frage wird an Natascha weitergeleitet und sie erklärt verblüffenderweise das Gleiche. Sie lassen ihre Waffen sinken und starren sich an. Dann, langsam, entfernen sie sich voneinander, bleiben in weiten Abständen, auch unter den eigenen Reihen, voneinander stehen, inmitten eines Trümmerfeldes, scharren mit den Füßen und schauen in den Himmel. Draußen droht eine neue Gefahr. Einer der als Notfallteam Eingetetzten kehrt nicht zurück, lässt auch keinen Weg frei. Er befindet sich in Gesellschaft eines Menschen, der stabile Anwesenheit erfordert. Mit einemmal sitzen sie gefangen in ihrer eigenen Welt, wie in einem Flugplatzterminal, dessen Flüge gecancelt wurden und in dem der Strom ausgefallen ist. Mit elektronisch verschlossenen Türen, versteht sich. Als sie nach langer, langer zeit wieder freikommen, sind es weniger und andere Menschen, haben sich verändert, sind verschmolzen und verzichten vorerst auf einen Wiederaufbau. Der Übeltäter aud dem Draußen wird vorsichtshalber verbannt. Jetzt konzentriert man sich auf die Außenwelt, weder aufeinander noch auf die zerstörte Welt unter ihren Füßen. Auf einmal sind Männer und fremden Menschen helfen ungeheuer interessant. Mischa stapft derweil unverdrossen über Steppen, Wüsten, Wälder und Wiesen. Er ist nur von hinten zu sehen, und er geht einen kleinen Bogen. Jetzt setzt er sich hin und entfacht ein Feuer. Ihm ist kalt und sein Magen knurrt. Er kann erst wieder Kontakt mit den anderen aufnehmen, wenn der Krieg beendet ist, das wiederum erfährt er nicht ohne ebenjenen Kontakt. vielleicht hofft er längst auf ein Tor zu anderen Welten, in anderen Köpfen, vielleicht hat er es bereits gefunden. Vielleicht hat er auch die Kinder mitgenommen, vielleicht folgen sie von selbst. Vielleicht erbauen sie sich ja auch ihre eigene Welt, um darin heranzuwachsen.

***

Ich glaube, wir haben ihn irgendwo da draußen verloren. Was mit den Kindern ist, weiß nun keiner mehr. vielleicht ist die gesamte Kellertürgeschichte nur eine ironische Prophezeihung.
Mischa war zum Ende sehr still und tapfer. Er hat nur traurig und stolz seine Arbeit getan und damit das Leben der Kinder gerettet. Vielleicht hat er sie mitgenommen, in eine bessere Welt, wer weiß. Er war so traurig und ohne Lebenslust, als er uns verließ, aber er war auch mal anders... ich bin froh, daß es ihn gegeben hat. Er war ein außerordentlich wissbegieriger und verantwortungsbewusster Junge, der das Leben liebte.
Seit Monaten hat man nichts von ihm gesehen oder gehört. Die Fahndung wird eingestellt.



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