Ich und das Was auch immer
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Zuletzt aktualisiert: 19.06.07
Spät kommt es, aber es kommt: von 12 Wochen Klapse wurden 8 dokumentiert. Da das Therapietagebuch (Fibel genannt) von Bezugsschwester und Therapeut gelesen wird, füge ich hier und da etwas an. Therapiepläne und Therapieziele kommen hier auch irgendwann noch rein.
... eigentlich ist das Geschreibsel hier nur nervöses Gelaber vor dem Einschlafen, stell ich grad fest. Ich tipps trotzdem weiter ab - muss ja nicht lesen, wer nicht will.

Tagebuch wurde nur auf der P6 geschrieben, die ersten vier Wochen verbrachte ich aber auf der P7. Da ist auch allerlei passiert, worüber ich irgendwann anders schreibe.

Montag, 2.4.07
Heute war ein überaus stressiger Tag. An den Vormittag kann ich mich nicht mehr erinnern, mittags bin ich verlegt worden und dann ist alles furchtbar anstrengend geworden. Die Frage des Tages lautet, ob ich auf meiner Stirn das Schild "Bitte belastet mich" stehen habe und ob solche Sachen eigentlich nur mir passieren. Gespräche mit Mitpatienten deuten darauf hin, dass es Menschen gibt, die merkwürdige Situationen anzuziehen scheinen. Bis zum Abend habe ich mich gedanklich mit der Restbelastung vom Wochenende auseinandergesetzt, dann wurde alles noch viel schlimmer. Im Augenblick lache ich über die Absurdität folgender Situationen:
- während des Wochenendurlaubs Freunde von Freunden zu besuchen, die in diesem ungünstigen Augenblick beschließen, sich schwer genug selbst zu verletzen, dass ein Rettungswagen alarmiert werden muss (und ICH darf dann das Blut aus der Badewanne waschen ... wieso mach ich das überhaupt?) [Anm.: der Typ hat sich schon drei mal bei mir bedankt dafür, dass ich ihm das Leben gerettet hätte, was ich nicht habe. Ich habe mit den Sanitätern geredet, seinen Arm hochgehalten um die Blutung zu verlangsamen und ihn, als er wieder bei Bewusstsein war, überredet, freiwillig zum Nähen zu gehen, ehe die ihn gewaltsam mitnehmen. Und die Wunde war zwar heftig, aber nicht heftig genug zum Sterben. Immer dieser überdramatisierenden Histrioniker.]
- innerhalb von wenigen Tagen Bekanntschaft einen festen Freund zu haben, der sein gesamtes Leben von mir abhängig machen will und der in Tränen ausbricht, wenn ich ihn vor mir warnen will. [Anm.: Eigentlich wollte ich mich nur irgendwo anlehnen und er war gerade da. Im Nachhinein hätte es dabei bleiben müssen, denn dass ich mich da nicht sofort abgegrenzt habe, habe ich noch bereut, siehe spätere Einträge.]
- ebenjenen Freund in die Notfallambulanz zu begleiten, wo ein $§%&Arzt, auf den ich gerade sehr wütend bin, ihm erklärt, er möge morgen nüchtern wiederkommen (nüchtern ist gut nach einem Alkoholrückfall), so dass ich die folgenden Stunden damit zubringe, zu gewährleisten, dass er morgen tatsächlich heil und lebendig wiederkommt. [Anm.: gerettet hat die Situation ein Engel, der spontan erschienen ist und ihn mit zu sich genommen hat - Menschen gibts, die gibts gar nicht.]
Da soll mal einer versuchen, sich mit seinen Gefühlen auseinanderzusetzen. Ich köchle in Frieden weiter an meiner Frustsuppe [Anm.: Nach meinen Gefühlen zu einer Situation befragt, versuchte ich, Frust zu definieren, obwohl laut Therapeuten Frust kein Grundgefühl ist. Stattdessen habe ich eine Frustsuppe zusammengestellt, in der alles Mögliche drin ist.] und lasse erst mal gar nichts zu, weiß ja auch gar nicht, wie das geht. Würde ja auch niemandem was bringen, wenn ich plötzlich auch noch zusammenbreche. Ist ja nicht so, dass ich nicht versuche, mich abzugrenzen aber die einzige wirkungsvolle Grenze ist die in meinem Kopf, die verhindert, dass ich am Rad drehe und die dazu führt, dass ich das alles gerade sehr komisch finde.
Sonst war mein erster Tag hier sehr nett. Haha.

Dienstag, 3.4.07
Das Wetter ist schlecht, das Leben ist ungerecht und mir gehts nicht gut. Ich versuche, Selbstmordgedanken nicht nachzugehen und dagegenzusteuern, aber ich weiß nicht, womit. Ablenkung hilft, aber es treffen sich nicht mehr alle auf der Bank vorm Haus [Anm.: eine der zwei Bänke vor dem Hauptgebäude, auf der und um die herum sich die Raucher immer sammeln; der Hort der interstationären Kommunikation], weil es so kalt ist. Ich habe Angst vor Gedanken, die kommen werden oder kommen könnten wenn ich versuche einzuschlafen. Ich habe Angst vor dem morgentlichen Aufstehen [Anm.: Auf der P6 kommen die Schwestern im Gegensatz zur P7 nicht zum Wecken, da ist Eigenverantwortung angesagt.] Ich will nicht über meine Zukunft nachdenken und erst recht nicht über die Vergangenheit, deshalb habe ich auch meinen zweiten Lebenslauf noch nicht begonnen zu schreiben [Anm.: Bei Stationswechsel sollte ich einen zweiten Lebenslauf anfertigen, obwohl ich auf der P7 schon einen abgeliefert hatte. Keinen tabellarischen, sondern einen entwicklungspsychologischen.] Galgenhumor baut mich auf und blutrünstige Texte zu schreiben entspannt. Therapien waren heute nicht viele. Ich beobachte viel, mich und andere, aber ob ich was draus lerne weiß ich nicht.
Ich flieg zwischendurch immer wieder weg, kuck auf einen Punkt weit weg und tunnel da rein, aber ich glaube, das liegt nur daran, dass ich nicht richtig wach bin.
Ich will mich eigentlich mit gar nichts auseinandersetzen, aber dann würde sich ja auch nichts ändern. Zum Schreiben hab ich auch grad keine Lust.

[Anm. Therapeut: Warum wollen Sie etwas ändern?]

[Antwort am 5.4.:] Wenn ich so weitermache wie vorher, tauchen die Probleme, die mich hergeführt haben, bestimmt wieder auf, und das will ich nicht.

Mittwoch, 4.4.07
Heute morgen bin ich pünktlich aufgestanden und weiß immer noch nicht, wo ich die Energie dafür hergenommen habe. Das vormittägliche Gruppengespräch hat eine Menge Gedanken in Bewegung gesetzt und mir gezeigt, dass ich zwar kognitiv abgeschlossen habe mit meiner Vergangenheit und allem, was sich nicht ändern lässt, aber nicht gefühlsmäßig. Ich nehme gar keine Gefühle wahr in Bezug auf lang Vergangenes und ich glaube, dass genau darin der Fehler liegt, dass nämlich die gefühlsmäßige Auseinandersetzung mit allem, was so passiert bei mir kaum stattfindet. Ich weiß auch gar nicht, wie ich das steuern kann, und selbst wenn ich es steuern könnte, kriege ich mich nicht dazu, es zu wollen [Anm.: Verständlich. Auf dem Gebiet hab ich viel erreicht in der Klinik, aber die meisten Gefühle sind negativ und viele zu stark, um damit irgendwie konstuktiv umzugehen]. Ich habe Angst davor, irgendwelche Türen und Schlösser in meinem Kopf zu öffnen, und dieses Gefühl blockiert alle anderen. Irgendwo in mir sitzt ein Kind, das schreit "Ich will nicht" und der Entschluss, mich auf die Therapie hier einzulassen, bringt es nicht zum Schweigen.
Heute abend nach dem Abendbrot habe ich mit Mitpatienten Musik gemacht - viel improvisiert und herumprobiert. Das war wunderbar, obwohl ich sowas ja eigentlich gar nicht kann. Aber das darüber reden, irgendwann mal Musik zu machen und hochtrabende Pläne zu verwirklichen kommt eben nicht an die Erfahrung heran, jetzt etwas zu tun. Und ich glaube auch nicht wirklich an diese Pläne, die alle an den Therapieerfolg und an eine ungewisse, relativ ferne Zukunft geknüpft sind. [Anm.: Pläne in dem Sinne, dass wir, wenn wir alle gesund, glücklich und lebensfähig sind, eine Band gründen wollen, tolle künstlerische Projekte starten und so, damit wir auch noch reich und berühmt werden. Die Band hat schon ein paar Musiker, ein paar Texte und ein paar Melodien, aber so wirklich kommen wir nicht aus dem Knick. Wie erwartet. Ist das so, weil ich es erwartet habe, oder habe ich es erwartet, weil sowas nun mal meist so endet? Obwohl die Hoffnung ja noch nicht tot ist, da noch was auf die Beine zu stellen.]
Es war auch irgendwie gar nicht schlimm, das ich alles nur ein bisschen und nichts richtig kann, weil ich mich einerseits unter den beteiligten Menschen wohlgefühlt habe und andererseits auch nicht am untalentiertesten war. Es gab keinen Leistungsdruck, dem man sich aussetzt, was ich anders kenne, weil ich mich immer nur mit Leuten umgebe, die besser sind als ich.
Ich habe auch den Eindruck, dass ich mich gerne über die Menschen definiere, die ich kenne. Ist vielleicht gar nicht gut.
Meine Stimmung war heute relativ stabil. Hoffentlich bleibt das beim Einschlafen so.

Donnerstag, 5.4.
Der heutige Vormittag war frustrierend. Ich hatte um 10:00 einen Termin beim Gyn und habe dadurch alle Therapien verpasst. Den Nachmittag saß ich in der Sonne und habe versucht, nicht so oft wegzufliegen, allerdings vergeblich. Nach dem Abendessen wurde das besser, bis zur Abendgestaltung, bei der ein Klischee-Kitsch-Film gesehen wurde. Ich bin ja kein Fernsehkind uind tauch da immer ziemlich rein, weshalb mich Filme generell sehr mitnehmen. Wäre der nicht so schlecht, so amerikanisch und vor allem so weit weg von meiner Realität gewesen, hätte ich mit Sicherheit selbst jetzt, Stunden später, noch das Problem, in den Film eingetaucht zu sein - der ja aber irgendwann zu Ende ist. Das Auftauchen ist das Schwierige, wie mit dem Schlaf - eintauchen ist situationsabhängig, auftauchen/aufwachen ist kräftezehrend und tut meist weh, und was dazwischen passiert, darauf hat man nur begrenzt Einfluss.
Ich habe immer noch ab und zu Momente, in denen ich mich "normal" fühle, aber das ständige Abdriften, der Eindruck der Surrealität und plötzliche Perspektivenwechsel stören mich (keine Ahnung wobei).
Ich habe immer noch Angst vor der Therapie und das Ich-will-nicht-Kind ist immer noch da. Nichts Neues also.
Ich weiß nicht, was ich tun soll, wenn ich die Kontrolle verliere. Ich glaube, ich sollte sie mal verlieren, um zum Vorschein zu bringen, was innerlich überhaupt passiert, aber ich kann nicht, ich fürchte die Konsequenzen - Gewalt ist nicht erlaubt, Selbstverletzung ist nicht erlaubt, Suizidgespräche sind nicht erlaubt und Ruhestörung auch nicht.
Und ich könnte mir in den Hintern beißen, weil ich immer noch keinen zweiten Lebenslauf geschrieben habe und mir noch nicht im Klaren bin über meine Therapieziele.
Ich habe mit meiner Mutter telefoniert und versucht, zu erklären, wie es mir geht. Es fällt mir schwer, einzugestehen, dass es mir nicht gut geht, obwohl ich andererseits nicht will, dass sie mich behandelt, als sei alles in Ordnung. Schon komisch. Erstmal drüber schlafen, die Seite ist eh voll. [Anm.: Mehr als eine Seite durfte ich nicht schreiben, was angesichts meiner Schriftgröße schon großzügig ist]



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