Ich und das Was auch immer
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Ich war auf einem Transsexuellenstammtisch.

tl,dr: Mein Schlag Leute - und wiederum nicht.

Im Vorfeld war ich sehr nervös. Ich kenne keine Transsexuellen persönlich und wollte, da ich erfuhr, dass es diesen Stammtisch gibt, endlich auch anderen begegnen und von Erfahrungen, sowohl persönlich als auch bürokratisch, profitieren.
Ich tapselte im Treppenhaus herum und war unsicher, wo genau ich denn da hin muss, da Umbaumaßnahmen die Beschilderung unzutreffend haben werden lassen. Ich wurde dann aber sehr herzlich empfangen, gründlich ausgefragt, ob ich denn schon so lebe oder so leben möchte, wie ich dazu komme und warum ich denke, dass ich dort hingehöre. Ich kann sagen, dass ich sehr respektvoll aufgenommen wurde, dass mir zugehört wurde und es keinerlei Fremdzuschreibungen gab, was ich denn wäre und warum.

Aber:

Selten habe ich so viel Sexismus auf einmal gesehen. Wenn das eigene Geschlecht in der Identität so viel Raum einnimmt, wird *alles* auf diese Identität hin bewertet. Diese Leute gendern ihren Gang, ihre Mimik, ihre Interessen, ihren Alltag. Sie gehen nicht einkaufen. Sie gehen *weiblich* einkaufen. Sie schauen nicht fern. Sie schauen *männlich* fern.
Im Kontrast dazu ist meine Geschlechtsidentität wankelmütig und zart. Sie versteckt sich scheu in einem fernen Winkel und ist sich ihrer selbst nicht besonders sicher. Ich hingegen gehe einkaufen, spiele Computer, treffe Freunde und spaziere mit dem Hund und vergesse sie dabei manchmal zuhause.
Ich bin vielleicht zu postgender, um als transsexuell zu gelten - als politische Ideologie mag das zum Scheitern verurteilt sein, weil es die gegenwärtige Realität ausblendet und Probleme der Geschlechtergerechtigkeit verschleiert, als Lebensstil hingegen möchte ich es jedem nahe legen. Sozialisierung und Hormone produzieren ihren Anteil an Geschlechterunterschieden, der weitaus größte Teil der Ungleichheit stammt jedoch aus der verschiedenen Bewertung von gleichem Verhalten - autoritär kontra zickig, gentlemen- und ladylike - und das habe ich dort massiv und bewusst reproduziert gesehen. Diese Leute haben kein Problem mit Sexismus und Stereotypisierung, solange sie sich ihre Schublade aussuchen dürfen. Das trifft, wie immer, alle, denen keine Schublade so recht passt oder die ihr Leben nicht in binären Kategorien bewertet sehen wollen.

Letztlich sehe ich zwei Probleme, die Transsexualität definieren: eine physische und eine gesellschaftliche. Ich habe mich in den letzten Jahren sehr stark mit meinem Körper ausgesöhnt und es gibt weiß Gott genug Menschen, die mit ihrem Äußeren unzufrieden sind. Auch Cis-Frauen mögen Menstruationen nicht. Auch Cis-Männer finden ihren Penis zu klein. Menschen lassen sich ihre Nasen operieren, ihre Brüste vergrößern oder leiden unter ihrem Übergewicht - generell finde ich Gesundheit bedeutsamer als kosmetische Spitzfindigkeiten. Man muss sich eben behelfen. Und es ist ja nicht so, dass man *schnipp* machen kann und auf einmal das Geschlecht gewechselt hat. Hormone haben Nebenwirkungen. Viele pubertäre Veränderungen sind nicht rückgängig zu machen (breite Hüften, Stimmbruch). Nun ist die Frage also, welchen Wert eine mehr oder weniger gewaltsam herbeigeführte Änderung für den Betreffenden hat. Das kann ich natürlich nicht für andere entscheiden - so wie viele mit ihren künstlichen Nasen zufrieden sind, sind auch viele mit ihren künstlichen Brüsten und ihrem künstlichen Stimmbruch zufrieden. Ebensohoch dürfte aber der Anteil derer sein, die sich immer als unfertiges Kunstwerk betrachten und stetig in Dissonanz mit ihrer physischen Erscheinung leben. Das Ziel ist nicht "perfekt" sondern "gut genug" - und vor diesem Gesichtspunkt und der beträchtlichen Nebenwirkungen sowohl hormoneller Behandlung als auch chirurgischer Eingriffe erfüllt mein Körper auf jeden Fall Letzteres. Ich kann mir gut vorstellen, eines Tages Hormone zu nehmen. Jetzt ist mir der Preis dafür zu hoch.

Der andere Aspekt ist die gesellschaftliche Ebene. Und so sehr einem passende Pronomen und Anrede schmeicheln, zahlt man einen hohen Preis dafür. Werde ich jetzt mit "junge Frau" angesprochen, weiß es mein Gegenüber nicht besser. Würde ich mich unmissverständlich männlich präsentieren, wäre es beleidigend. Will ich wirklich herausfinden, wie viel anders die Reaktionen und Meinungen der Menschen mir gegenüber wären, würde ich mich nicht als nicht-gerade-mädchenhafte-Frau, sondern als Transmann (und machen wir uns nichts vor, es gehört viel dazu, um unhinterfragt als Mann durchzugehen) präsentieren? Ich glaube nicht. Im Internet heiße ich Klaus. Im persönlichen Umfeld heiße ich Klaus. Beruflich ist es gespalten und schwierig. Eine Namensänderung oder Anerkennung als Künstlername könnte das ändern - unter eingetragenem Künstlernamen kann ich Verträge abschließen, Hotels buchen und meine Identität für berufliche Kontakte nachweisen. Überall, wo es lohnt oder ich in direkten Kontakt mit Menschen trete, könnte ich Missverständnisse über mein (Nicht-)Frau-Sein ausräumen. Und bliebe dennoch verschont von Verurteilung durch gänzlich Fremde. Win-win - zumindest für mich.

Ich habe einfach keinen vergleichbaren Leidensdruck, um mich mit den Transsexuellen, die ich getroffen habe, zu vergleichen. Es geht mir zu gut. Ich habe ein Umfeld, in dem Geschlechter keine Rolle spielen und sich niemand in enge Rollenbilder zwängen lässt. Wer gerne Schuhe anprobiert, shoppt nicht weiblich, sondern probiert gerne Schuhe an. Wer Computerprobleme löst, hat keinen männlichen Sachverstand, sondern ist technikaffin. Was bleibt?
Neunzig Prozent meines sozialen Umgangs sind genderfrei. Mir reicht das.


P.S.: Dass ich mich dort auch intellektuell nicht aufgehoben gefühlt habe, kommt noch dazu.
2.8.14 23:02
 


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