Ich und das Was auch immer
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Dokumentation eines fragmentierten Daseins (in Fragmenten)

A. fragt mich nach einem Taschentuch, wie jedesmal, wenn wir unterwegs sind. Es ist Weihnachtsmarkt und durch die Stadt schwärmen die Sorte Provinzler, die immer da sein wollen, wo 'was los ist', auch wenn die Ansichten über das, was 'was los' ist, auseinandergehen. Zwischen Buden, aus denen phänomenal unfestliche Weihnachtsmusik ertönt, schleichen Rentner, Jugendliche und auch ein paar Einheimische umher (die weder Rentner noch jugendlich sind, sondern vor allem einheimisch. Man erkennt sie am desinteressierten Schlendergang. Sie versuchen nicht, die historische Altstadt hinter der Neonbeleuchtung auszumachen, oder die nackten Figuren des Pornobrunnens (in Touristenführern als Brunnen der Lebensfreude bezeichnet) unsittlich zu berühren, sondern sind nur auf der Suche nach überteuertem Essen und zu heißem Glühwein.)
A. und ich bewegen uns zwischen ihnen wie verlorene Schafe, A. mit der Freude des von allen Seiten bespaßten Schafs, ich mit der gutmütigen Akzeptanz des vom Provinzler mitgeschleiften Einheimischen. Die Menschen um uns stinken, A. fährt Klack-Klack. Das klickende-klackende Rad mit dem liebesperlengefüllten Griff ist für eine andere Altersgruppe gedacht und zwingt sie zum gebückten Gang und bringt sie dadurch mit meiner Informatikerwirbelsäule auf eine Höhe. Ich fühle mich seltsam geschmeichelt.
Der Abend verfolgt keinen anderen Zweck als sagen zu können, wir seien dagewesen, und als konsumfeindliche, erfahrungsorientierte Postmaterialisten halten wir nirgens an und kaufen nichts. Außer dem Klick-Klack, einer Backbanane, zwei Chamignonpfannen, zehn Schuss Luftgewehr und zwei Fahrten mit einem Leute-durch-die-Gegend-schleuder-Gefährt (mit Überschlag). A. weist mich zu Beginn der Fahrt darauf hin, dass ich einen Herzfehler habe. Beinahe hätte ichs vergessen. Den Rest des Abends habe ich gelegentliche Schwindelanfälle und Arrhythmien, aber das gute Gefühl, mich auf ungesunde Sachen eingelassen zu haben.


Zum ersten Mal seit Wochen kann ich mir erlauben, einfach mal im Bett zu bleiben. Davon mache ich exzessiv Gebrauch, Musik und Computerspiele halten die Langeweile auf Abstand. In langen Tabellen analysiere ich die Erfahrungspunkte, die ich für das Töten verschiedener Monster bekomme - die Realität tritt in den Hintergrund vor Fantasy-Rollenspielen in Pixelgrafik. Irgendwann beginne ich, mit imaginären Freunden zu reden, aber das gehört schließlich dazu und darf nicht weiter ablenken - Müßiggang ist allen Wahnsinns Anfang. Ich vergesse nicht nur das Essen, sondern auch das Rauchen dabei - der gesundheitliche Nutzen wiegt die veränderte Definition von Wirklichkeit wieder auf, meinst Du nicht?
-Ich weiß nicht. Wir sind erst Level 10.
-Bekommt man fürs Rauchen Erfahrung?
-Im Real Life bestimmt.
-Das RL ist aber sowieso komplexer. Es gibt Erfahrungen, die mehr schaden als nützen. Und viel Erfahrung heißt nicht immer höheres Level. Das Konzept lässt sich also nicht ganz übertragen.
-Das wird mir jetzt zu bescheuert.
-Wieso, das ist Soziologie. Oder Psychologie oder so. Wenn man das mal sachlich untersucht, kann man daraus bestimmt was wissenschaftliches daraus machen.
-Ach, halt den Rand.
Gedanken sollte man sich erst machen, wenn man sich selbst nicht mehr zuhört ...



Ich sehe mir sozialistische Filme an, überlege, mit welcher Figur ich mich am meisten identifizieren kann und wünsche, R. wäre hier und machte mit. Ich suche mir eine Rolle für ihn aus und stelle mir mögliche wie unmögliche resultierende Dialoge vor, die darüber stattfinden könnten, wäre er hier.
Es gibt nichts merkwürdigeres, als jemanden zu vermissen, den man täglich sieht.



Herzschmerz klingt nicht mehr so kitschig, wenn man ihn wörtlich nehmen muss. Nach einer heftigen Attacke am Montag ist mein Kreislauf noch nicht wieder ganz das, was er sein sollte. In mir wächst der Wunsch, meinem Kardiologen auf dem Heimweg aufzulauern, um ihn endlich persönlich belästigen zu können - seine Schwestern und Sprechstundenhilfen regeln den Betrieb in der Praxis, so dass tatsächliches Vorsprechen nicht nötig wird. Eine Notiz der Schwester, die mit mir gesprochen hat, führt zu einer Entscheidung des Arztes, die mir über eine weitere Schwester übermittelt wird - ein Tag Langzeit-EKG, Befund wird an den Hausarzt übermittelt. Mit den Kabeln am Leib fühle ich mich wie ein Cyborg, was mich ein wenig für die indirekte Kommunikation entschädigt. Trotzdem fange ich an, das zu tun, was ich auf keinen Fall wollte: Situationen zu vermeiden, die ohne meinen Herzfehler und die daraus resultierenden Anfälle kein Problem wären. Ich lasse mich vom Sohn meiner Chefin zum Nebenjob fahren, damit ich nicht allein mit dem Fahrrad fahren muss, habe mein Handy mit Guthaben immer dabei, wenn ich alleine bin und habe Angst vor Masturbation, weil ich meinem Herzen keinen Orgasmus mehr zutraue. Ich weiß, dass mein Verhalten irrational ist, aber für das Ausbleiben eines weiteren Anfalls nehme ich so ziemlich alles in Kauf. Gäbe es keine Kompatibilitätsprobleme, ich ließe mir ein Laufrad mit ein paar Meerschweinchen implantieren, um mein Herz zu ersetzen.




Die Odyssee der Wohnungssuche scheint sich endlich ihrem Ende zu nähern. Ich freute ich mich sicherlich mehr, wäre diese Hoffnung nicht schon mehrfach enttäuscht worden. Die ständige Ungewissheit des Wartens auf eine Vermieterantwort oder die quälende Verzweiflung der fehlenden Unterlagen sollte endlich ein Ende haben. Ich hüte unterschriebene Bürgschaften, Einkommensbescheide und Kopien von Personalausweisen wie ein Drache seinen Schatz. Ich will sie mir unter das Kopfkissen schieben, damit ihnen nichts passiert, während ich schlafe, aber die resultierenden Knitterfalten sind eine ernsthafte Bedrohung für meine Zukunft. Außerdem würde ich dann vergessen, sie am nächsten Tag beim Makler einzureichen.
Ich finde, Wohnungen sollten so verkauft werden wie Joghurt. Gehe ich in eine Kaufhalle, um Joghurt zu kaufen, stehen sie aufgereiht im Regal und warten auf mich. Komme ich in ihre Nähe, so beginnen sie zu schreien, ringen um meine Aufmerksamkeit und versuchen, sich gegenseitig zu übertönen. Eine Wohnung tut das nicht. Eine Wohnung gibt sich desinteressiert und eitel, eine Wohnung fragt mich, ob ich überhaupt gut genug bin für sie oder es verdiene, sie zu bewohnen. Woher ich mir das Recht nähme, sie auch nur anzusehen, und wovon ich sie denn vorhabe zu bezahlen.
Ehe ich eine Gelegenheit habe, mich zu rechtfertigen, springt mir auf einmal ein der Kaufhalle entlaufener Joghurt in den Nacken und kreischt: "Ich hab dich beobachtet! Du kaufst manchmal bei mir zuhause ein, aber nie kaufst du Joghurt! Nie! Nein, sag nichts, du hast es nur noch nicht probiert. Glaub mir, wenn du einmal den Löffel tief eintauchst und langsam rührst, dann wird es dir gefallen, und dann willst du mehr ... du hast nur noch nicht den richtigen Joghurt getroffen. Wir sind füreinander bestimmt, du und ich, ich weiß es genau... Warte, wo willst du denn hin?"
11.12.09 20:24
 


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(13.12.09 22:20)
Ich war hier. E.

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